Woran erkennt man uns?
Geschrieben von: Christian Hermes
02.05.2010 - 5. Sonntag der Osterzeit C
Woran kann man einen Christen erkennen? Daran, dass er sonntags in die Kirche geht? Daran, dass er ein Kreuz um den Hals trägt? Daran, dass auf seiner Steuerkarte „rk" oder „ev" steht? Und erkennt man die christliche Prägung einer Gesellschaft daran, dass in öffentlichen Gebäuden Kreuze aufgehängt werden oder Minister den religiösen Eid leisten? Die Lesungen und das Evangelium des heutigen Sonntags erinnern uns daran, dass alle solche Erkennungszeichen eine innere Haltung zum Ausdruck bringen müssen, weil sie sonst unglaubwürdig werden. Was sind unsere christlichen Werte? Was ist uns für unser Leben und Zusammenleben wichtig? Ist unser Glaube durch das Zeugnis des Lebens gedeckt? Es soll nicht nur Christus draufstehen auf uns und unseren Kirchen, sondern auch Christus drin sein.Woran erkennt man die Christen? Die Lesung aus der Apostelgeschichte berichtet vom unglaublichen Erfolg der frühen Missionare. Der Glaube an Jesus war für die Menschen attraktiv, einladend, begeisternd. Trotz vieler Widerstände schlossen sich immer mehr Leute - Juden und Menschen anderer Herkunft - den Christen an, weil sie glaubwürdig waren. Schon aus den wenigen Zeilen der heutigen Lesung können wir einen Eindruck gewinnen, was so attraktiv war: ihr Mut, ihre Treue zur eigenen Überzeugung, ihr Festhalten an dem, was sie glaubten, ihre echte Frömmigkeit, die sie verband, ihre Bereitschaft, etwas hinzugeben und auf's Spiel zu setzen, ihre Verantwortungsbereitschaft und ihr Vertrauen, dass Gott mit ihnen und durch sie seine Gnade wirkt. Die Christen waren erkennbar anders, authentischer, stärker, echter, und sollen es auch heute sein.
Woran erkennt man die Christen? Die Offenbarung des Johannes schildert in einer großartigen Vision die Hoffnung auf eine befreite und erlöste Welt: das neue, himmlische Jerusalem ist das Bild eines menschlichen Zusammenlebens, das von Gottes Lebenskraft zuinnerst belebt wird. Nicht erst im Himmel, sondern schon jetzt auf der Erde sollen also die Christen daran erkennbar sein, dass Gott das Kraftzentrum ihres Lebens ist, und dass sie so keinen Tod mehr fürchten müssen, dass Gott ihr Trost in der Trauer sein wird, dass sie die dunklen Seite des Lebens mit anderer Kraft zu tragen vermögen. Wir Christen waren erkennbar erneuerte Menschen, Menschen der Hoffnung, Menschen, die eine Idee von einem guten und gerechten Leben hatten und dafür eintraten, und sollen es auch heute sein.
Woran erkennt man die Christen? Im Evangelium wird das Erkennungszeichen schlechthin genannt: „Liebt einander. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." Das Faszinierendste an den Christen, das, was sie attraktiv gemacht hat, war das Prinzip Liebe - Liebe nicht im Sinn romantischer Verliebtheit, auch nicht von süßlich-fromme Betulichkeit, sondern in einem ganz echten und anspruchsvollen Sinn. „Liebt einander!" meint: Bleibt beieinander, haltet Gemeinschaft und sucht sie immer neu, setzt euch für das Gemeinsame ein, für das Verbindende. Seid in einem ganz konkreten Sinn „gutwillig" zueinander, achtet einander und aufeinander, geht anständig miteinander um, sucht nach, was allen wirklich gut tut. Wir Christen waren und sollen daran erkennbar sein, dass wir liebevolle, verbindliche, versöhnliche Menschen sind.
Es wäre ungerecht, aber vielleicht auch nicht ganz falsch, zu sagen: Na, dann wissen wir ja, warum so viele Leute aus der Kirche austreten. Sicher gibt es leider, fassen wir uns an die eigene Nase, zu viele Gelegenheiten, wo wir nicht in diesem Sinn als Jünger Jesu Christi erkennbar werden. Das mag außer an unserer menschlichen Schwachheit auch daran liegen, dass die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu uns selbst zu sehr als moralische Pflicht verstanden wurde, zu der wir uns allweil zwingen müssten, und zu wenig als Haltung, die uns aus der Erfahrung Gottes geschenkt wird und sich dann von selbst und von innen heraus einstellt. „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe", das heißt ja vor allem: Spürt und lebt daraus, dass ihr von Gott geliebte Menschen seid. Dann wird die Haltung, die „Kultur der Liebe" peu à peu von selbst wachsen. Daran wird man erkennen, dass wir Christi Jüngerinnen und Jünger sind.
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