Wer ist "der Nächste"?

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11.07.2010 - 15. Sonntag im Jahreskreis C

Der Gesetzeslehrer, der Jesus im heutigen Evangelium auf die Probe stellt, hat schon viel verstanden, wenn er unter den vielen hundert Geboten und Vorschriften, nach denen ein frommer Jude zu leben, zu glauben und zu beten hatte, die beiden wesentlichen herausgefunden hat: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Das ist das Wesentliche, daran hängt, wie Jesus an anderer Stelle sagt, das ganze Gesetz. Es ist wichtig, dieses Wesentliche zu kennen, will man nicht Gefahr laufen, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Das gilt nicht nur für fromme Juden, sondern auch für fromme Christen und Katholiken.

Aber noch ein zweites kommt hinzu: Es reicht nicht, die wesentliche Lebensregel nur zu wissen - es gilt, sie, wie es die Lesung deutlich gemacht hat, im Herzen zu tragen, zu verinnerlichen und von Herzen zu befolgen. Gebote und Gesetze – auch das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe – bedürfen der rechten Grundhaltung, einer Herzens- und Gewissensbildung. Wo diese fehlen, nützen die schönsten Gebote nicht viel. Und wo diese da sind, braucht es viele Vorschriften erst gar nicht. Das Rechte und Gute wird gleichsam von selbst eingesehen und getan.

Den Nächsten lieben wie sich selbst ... Der Gesetzeslehrer hat nun aber ein Problem: Was heißt das denn: den Nächsten lieben? Wer ist denn der Nächste? Sind alle Menschen meine Nächsten? Muss man alle Menschen lieben? Und wie soll denn das gehen? Was genau muss man denn da machen? Auch für uns gilt das Gebot Jesu: Auch für uns stellen sich diese Fragen. Natürlich wissen auch wir, dass wir unsere Nächsten lieben sollen. Vielleicht haben wir das Gefühl, dass es uns manchmal auch gelingt – oft genug wissen wir aber auch, dass es uns nicht gelingt; oft genug sind wir ratlos: Was wird denn da genau erwartet? Es gibt doch so viel Not und Elend. Muss ich mich jetzt um alle und alles kümmern? Sind nicht alle Notleidenden unsere Nächsten: die Opfer von Hunger und Krankheit in den Ländern der sogenannten Dritten Welt, die Opfer von Krieg und Verfolgung, die Armen und Schwachen in unserem Land, in unserer Stadt, in unserer Gemeinde?

Das Gebot der Nächstenliebe sorgt dafür, dass viel Gutes getan wird. Es kann aber auch ein bohrend schlechtes Gewissen hinterlassen: Müssten wir nicht noch viel mehr tatkräftige Liebe erweisen? Tun wir nicht alle viel zu wenig? Zuweilen habe ich den Eindruck, dass das Gebot der Nächstenliebe bis zur Unerfüllbarkeit moralisch hochgeschraubt wurde und wird. Viele ziehen dann die Konsequenz daraus, da man ja nicht allen helfen könne, gar niemandem mehr zu helfen. Da hört man und sieht man lieber nichts. Da will man dann gar nichts mehr wissen von all der Not, auch nicht von der Not, die unmittelbar vor einem steht. "Ich kann doch sowieso nichts ändern", heißt es dann.

Darauf antwortet die Geschichte, die Jesus erzählt. Da geht es nämlich nicht um die Menschenliebe überhaupt und allgemein, um das "Jeder ist mein Nächster" eines unerfüllbar hohen Gebotes. Es geht in dieser Geschichte eben um die Liebe zum Nächsten. Dieser Nächste ist nicht irgendjemand. Der Nächste sind nicht alle. Der Nächste ist der Nächste und nicht der Übernächste und nicht der Fernste. Der Nächste ist der, der in meiner unmittelbaren Nähe ist, der wie der Überfallene mir mit seiner Not buchstäblich vor die Füße fällt. Und umgekehrt: Der Nächste ist der, der mir, wenn es mir schlecht geht, nahe ist und nahe bleibt. Der Nächste ist der, der mir – wenn es Not tut ­– am nächsten ist und dem ich am nächsten bin. Wo kein anderer da ist, wo kein anderer einspringen könnte, wo ich – unvertretbar ich – gefordert bin, Verantwortung zu übernehmen: da ergibt sich für Jesus eine unmittelbare und unbedingte Nähe.

Die Frage nach dem Nächsten hat mit der Aufmerksamkeit für Menschen in meiner Nähe zu tun, für ihr Geschick und ihre Geschichte. Sehe ich sie überhaupt? Berühren sie mich? Fühle ich mich zuständig oder halte ich mich lieber heraus? Habe ich tausend Ausreden: Geht mich nichts an, bin ich nicht zuständig, ist selber schuld usw.? Oder lasse ich mich ansprechen und in die Verantwortung nehmen? Erkenne ich, wann ich gefragt bin, nur ich und sonst keiner? Es geht nicht darum, alle Menschen zu retten, das hat auch Jesus selbst nicht getan. Aber es geht darum, im entscheidenden Moment sich nicht zu entziehen. Es geht um die Herzenshaltung der Aufmerksamkeit. Diese Nächstenliebe steht zwischen den Extremen einer Nächstenliebe, die sich für alles und alle zuständig fühlt und scheitern muss, und einer Gleichgültigkeit, die sich für nichts und niemanden interessiert. Gerade solche Liebe zum Nächsten verändert die Welt. Deshalb gilt für den barmherzigen Samariter und für alle, die seinem Beispiel folgen, was in der Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust "Yad Vashem" in Jerusalem heißt: "Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt!"