Was krumm ist, soll gerade werden
Geschrieben von: Michaela Rueß
6. Dezember 2009 - 2. Adventssonntag C
Augustinus hat einmal die Sünde als eine ‚Verkrümmung der Seele' bezeichnet. Wer in sich verkrümmt und verbogen ist, wie die Löffel an unseren Bänken, ein solcher Mensch schneidet sich ab von Gott und seinen Mitmenschen. Durch das Gekrümmt sein, ist er nicht mehr aufrecht und aufrichtig gegenüber Gott, den anderen und vor allem sich selbst gegenüber. Das deutsche Wort krumm ist verwandt mit den Worten krampf und krank. Man könnte demnach sagen, ein krummer, ein verbogener Mensch verkrampft sich in selbst. Wer schon einmal einen Muskelkrampf erlitten hat, der weiß wie schmerzhaft so etwas sein kann. Der Muskel zieht sich zusammen und verkrampft, man kann selbst gar nicht anders als diesem Zusammenziehen nachzugeben und sich im Schmerz förmlich einzuigeln.Was ist nun, wenn sich ein solches Verkrampfen, ein solches Verbogen Werden auf das ganze Leben ausbreitet und nicht nur auf den Körper? Wenn das ganze Leben zu einem einzigen ‚Krampf' wird? Wenn man merkt, hier passt nichts mehr richtig zusammen, dort ist es nicht mehr stimmig? Hier kriselt es im Büro, dort eckt man zu Hause an, jedes Wort, das gesprochen wird, gerät in den falschen Hals, usw. Wir alle kennen solche Momente. Oft hat man dann das Gefühl, dass man aus solchen Situationen nie mehr herauskommen wird. Alles wirkt verbogen, unecht und unwirklich. Man lebt nicht mehr selbst, sondern irgendetwas lebt einen. Das sind krumme Wege, unebene Straßen, so was lässt uns innerlich verkrampfen. Es tut uns nicht gut, es macht uns kaputt. Wir sind entfernt von uns selbst und von Gott. Auf diese Weise verkrümmt und verbiegt sich unsere Seele und unser Innerstes wie Augustinus es beschrieben hat.
Mit Johannes dem Täufer hören wir von einem Menschen, der für viele Israeliten zu einem Befreier aus solchen ‚krampfigen' Lebensumständen geworden ist. Die Menschen hören ihm zu. Sie stellen ihm Fragen, dabei erfahren sie, dass Gott nicht fern ist, dass Gott sich für ihr Leben interessiert, dass er sich um sein Volk sorgt. Also fragen die Menschen den Johannes: „Was sollen wir tun? Was rätst du uns? Wie können wir unsere Fehler gut machen, wie können wir unsere Verkrümmungen und das, was in uns verbogen ist, wieder gerade biegen? Wer hilft uns?"
Johannes verkündet eine Zeit des Auf-schauens, eine Zeit des Auf-blickens, des Auf-richtens. Er ruft den Israeliten zu: „Kehrt um! Befolgt Gottes Worte, hört auf Gott! Dann wird alles gut werden! Es wird sich alles lösen!" Johannes gibt den Menschen damit eine Perspektive und die Menschen nehmen sie gerne an. Er knüpft an uralte Verheißungen an, wenn er davon spricht, dass die Wege gerade werden sollen, dass Schluchten aufgefüllt werden und Berge und Hügel sich senken werden, damit eine breite und ebene Straße entstehen kann. Er spricht damit die Hoffnung Israels schlechthin an: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er lässt Israel nicht im Stich. Noch ist das Volk Israel nicht zu Hause, nicht erlöst, noch stehen die Römer im Land und es wird von fremden Herrschern regiert. Gott hat aber den Messias versprochen, mit dem alles besser werden soll. Johannes erzählt den Menschen von diesen Verheißungen und er macht damit deutlich, dass es Hoffnung gibt. Er betont aber auch, wie notwendig es ist, dass man sich auf diese Verheißung, auf diese Hoffnung vorbereiten muss. Denn durch Jesus, durch den Messias, kann das Volk endlich heimkehren zu Gott, kann das Reich Gottes endlich beginnen.
Johannes weiß, wie Gott den Menschen wirklich haben will: ohne Verkrümmungen, ohne Schmerzen, mit einem geraden und wachen Blick, mit einem offenen und gütigen Herzen. Also ruft er den Israeliten zu und schreit ihnen entgegen: „Kehrt endlich um! Wacht auf! Macht eure Augen auf! Lasst euch endlich aufrichten von Gott!" Uns sind diese Aufrufe vertraut, gerade in der Adventszeit singen und beten auch wir mit solchen Worten. Das heißt dann wohl, dass auch wir uns nach diesem Aufgerichtet Werden sehnen. Wir wollen und sollen auch aufblicken wie die Israeliten. Ganz praktisch geschieht dieses innere Aufrichten und damit das Versöhnen mit Gott und mit sich selbst, wenn wir das Sakrament der Versöhnung empfangen. Wenn wir also zur Beichte gehen oder wenn wir uns in einem Bußgottesdienst mit uns selbst und unserer Beziehung zu Gott auseinander setzen. Noch praktischer und lebensnaher wird es, wenn wir uns nach einem Streit wieder vertragen, wenn wir uns versöhnen und das, was durch harsche Worte verbogen wurde, wieder zurechtrücken können. Das sind Momente, in denen wir heil werden, in denen wir Heilung erfahren, wo ganz tief in uns - innen drin - etwas geschieht, wo Gott in uns wirkt und seine Gnade uns erreicht. Manchmal merken wir es kaum, dass in uns wieder etwas gerade geworden ist, dass sich Verkrümmungen gelöst haben. Manchmal spüren wir es aber auch ganz deutlich, dass sich etwas bewegt hat, dass wir uns wieder aufrichten können, dass unsere innere Haltung sich verändert hat, dass wir unseren Mitmenschen wieder mit Freude begegnen können, dass unser Herz wieder etwas spürt, dass wir wieder leben können!
Johannes ist nicht nur den alten Israeliten ein Wegweiser aus den Verirrungen, den Verstrickungen und Verkrümmungen des Lebens heraus. Er ruft auch uns heute zu: „Kehrt um! Lasst euch aus euren Verkrümmungen aufrichten! Macht euch bereit, für das, was kommen wird! Lasst die Freude auf das kommende Fest in euren Herzen wachsen, bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Straße; denn was krumm ist, soll wieder gerade werden!" Amen.
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