Standhalten in der Krise

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Predigt im Rahmen der ökumenischen Bibelwoche 2010 zu Gen 32,23-33

 

Wir alle kennen in unserem Leben Übergänge von einer Lebensphase in eine andere. Als wir in die Schule kamen, oder der Beginn des Arbeitslebens. Die Hochzeit, die Geburt eines Kindes oder der Tod eines geliebten Menschen. Solche Übergänge sind immer auch belastend und konfrontieren uns mit dem was wir und wie wir geworden sind. Die Kirchen sind immer schon sehr bemüht gewesen solche Lebensübergänge zu begleiten, durch Rituale ihnen eine Gestalt zu geben und durch Gebete und durch den Segen Gottes den Menschen zu stärken. Ob Taufe, Einschulung, Firmung, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung, immer sind das für die beteiligten Menschen Übergänge.
Immer muss dabei etwas zurückgelassen werden und es kommt etwas Neues, das noch nicht so richtig abzuschätzen ist, das noch fremd, geheimnisvoll und vielleicht auch beängstigend ist hinzu. Jeder Übergang ist ein Risiko und dennoch sind Übergänge notwendig für unser Reifen und unsere Menschwerdung. 

Der Übergang des Jakob über die Jabbokfurt ist vor allem ein lebensgeschichtlicher Übergang, eine Rückkehr und ein Neuanfang. Es ist für Jakob eine Konfrontation mit dem, was in seinem Leben geschehen war. Und damit eben auch eine Auseinandersetzung mit der Schuld, die er auf sich geladen hatte. Wer bin ich, wo komme ich her, was wird mit mir geschehen. Das sind drängende Fragen in solch einem Übergang.

Schauen wir nun genauer auf den Text: Im Schutz der Nacht bringt Jakob seine Familie und alles was er hatte über den Fluss. Er selbst geht noch einmal zurück und bleibt am anderen Ufer zurück. Warum geht Jakob noch einmal zurück? Hat er Angst und will den letzten Schritt doch nicht wagen? Oder braucht er einfach noch mal in der Einsamkeit Zeit sich vorzubereiten auf das was kommt? Irgendetwas beschäftigt ihn noch, lässt ihn nicht ruhen - vielleicht kommen die alten Geschichten wieder hoch, das ergaunerte Erstgeburtsrecht oder der erschwindelte Segen. Jetzt, wo er sich seiner Heimat wieder nähert wird er vielleicht konfrontiert mit all dem, was er hier erlebt hat.
Die Nacht steht für das Dunkle, das Geheimnisvolle. Man kann nicht genau sehen, nicht so recht unterscheiden. Traum und Wirklichkeit, Phantasie und Realität, inneres und äußeres Erleben können ineinander verschwimmen.
Das Vergangene und das Zukünftige scheinen sich zu überschneiden.

In dieser Nacht, allein und im Dunkeln wird er überfallen. Es wird nicht recht klar, wer da mit ihm kämpft: ein Wegelagerer, der Beute machen will; oder ein Flussdämon, der ein Tribut fordert? Vielleicht sein schlechtes Gewissen, seine unbewältigte Vergangenheit, oder gar der leibgewordene Schatten seines Bruders oder Vaters?
Übergänge können zu einer Lebenskrise werden. Eigentlich hatte Jakob sich gut vorbereitet, hatte alles in die Wege geleitet. Und ganz unerwartet wird er nun überfallen. Es entwickelt sich ein Kampf um Leben und Tod. Jakob hält sich wacker, trotz der Überlegenheit des Fremden. Selbst als seine Hüfte ausgerenkt wird, lässt der den Fremden nicht los. Als die Morgenröte kommt, das Licht, will der nächtliche Angreifer fliehen. Das Tageslicht gibt dem Jakob die entscheidende Beihilfe, dass er etwas fordern kann. Seine Forderung nach Segen bedeutet, dass er Anteil haben möchte an der Lebenskraft und Lebensfülle des Fremden. Jakob möchte aus dieser lebensbedrohlichen Krise eine neue Lebensperspektive gewinnen. Das scheint mir eine ganz wesentliche Erfahrung zu sein: wer die Krise durchsteht, der geht gestärkt daraus hervor, selbst dann, wenn er davon gezeichnet ist, wie Jakob, der von nun an hinken wird.
Jakob ist hier einer, der nicht mehr wegläuft, der nicht einfach entkommen will aus der Krise. Nein er klammert sich an diesen Fremden, er ist an einem Punkt in seinem Leben angekommen, wo er seinem Schatten, seiner Schuld und Verantwortung, auf den Grund geht. Er setzt sich damit auseinander, er lässt sich ein. Er verdrängt nicht mehr, er lässt zu, was tatsächlich jetzt dran ist. Und gerade in dieser tiefen Anfechtung, im Durchleben dieser Krise, liegt die Chance für das neue Leben.

Die Veränderung von Jakobs Leben hat seinen Angelpunkt in der Frage des Fremden: „wie heißt du" - es geht um seine Identität. Krisen - vor allem Lebenskrisen verändern uns Menschen am nachhaltigsten. Der Name ist Programm: aus Jakob dem Betrüger wird ein neuer. Einer, der nun Israel heißt. Das bedeutet der Gottesstreiter oder auch Gott möge herrschen. „Denn du hast mit Gott und den Menschen gekämpft und hast gewonnen."

 

Stefan Pfeifer