Sich nicht verlieren

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20.06.2010 - 12. So. i.Jk. C

„Was halten die Leute von mir? Wie redet man über mich?" Diese Fragen bringen nicht nur Politiker zum Schwitzen, die allwöchentlich auf dem Politbarometer das Hoch oder Tief ihrer Karriere und die Wetteraussichten für die nächste Wahl ablesen können - oder Bundestrainer, BP-Manager, Bischöfe oder andere Personen des öffentlichen Lebens. Alle, die wir hier sind, machen wir uns allzu oft Gedanken darüber, was man von uns hält, was gesprochen wird, wie wir ankommen. Und wir wissen alle: Je mehr wir uns von Urteilen und Zensuren, von Beifall oder bewunderndem Geraune, Jubel und Spott und neugierigem Tratschen beeindrucken lassen, um so mehr verlieren wir uns selbst, geraten in Abhängigkeit, werden zum Spielball anderer Interessen. Genau das will Jesus nicht. Er will nicht so sein, wie ihn die anderen sehen wollten - er will so gesehen werden, wie und wer er wirklich ist. Für wen aber haltet ihr mich?

Petrus gibt hier die richtige Antwort. Schön. Was die anderen Jünger denken, erfahren wir nicht. Sie berichten lediglich, was „die Leute" so reden: Jesus sei der wiederauferstandene Täufer Johannes, der wiedergekehrte Prophet Elia oder sonst ein auferstandener Prophet. Dies zeigt übrigens, wie sehr die Zeitgenossen in der Vergangenheit leben und wie wenig sie damit rechnen, dass Gott noch etwas Neues beginnen könnte. Ihre einzige Hoffnung für die Zukunft ist die legendäre Vergangenheit. Auch früher gab es also schon Leute, für die früher immer alles besser war. Die Jünger selbst wissen, dass das nicht stimmt: Jesus ist nicht Johannes, nicht Elia und auch sonst keine Neuauflage, sondern Jesus ist Jesus. Er ist der, der gesandt ist, die gute Nachricht zu bringen, dass Gott da ist und in ihm selbst da ist. Weil aber die Jünger, auch Petrus, von „den Leuten" ganz zu schweigen, noch gar nicht fassen und erfassen können, was das bedeutet: für Jesus und für sich selbst, wird ihnen bis auf weiteres verboten, darüber zu reden. Das Lippenbekenntnis ist schön und gut, es muss aber durch die Tat beglaubigt und verwirklicht werden. Jesus selbst weiß, wie schwer dieser Weg ist.

Es ist für die Jünger ein weiter Weg zu verstehen, dass der Messias Gottes ganz anders ist, als sie selber oder die Menge es erwarten und sich vorstellen. Die Leute, und auch die Priester und Schriftgelehrten, warten auf einen grandiosen, mächtigen „König der Ehren", der Gottes Herrschaft mit Macht durchsetzen würde. Sie werden enttäuscht. Jesus beharrt hingegen darauf, dass er einen Weg des Leidens, der Verachtung, der Verworfenheit, einen tödlichen Weg zu gehen haben werde - und gerade darin als der Messias und Christus, als Gott, erkennbar werde. Jesus muss wegen der Menschen, durch die Menschen und für die Menschen sterben, um glaubwürdig zu sein. Nur wenn die falschen Erwartungen und Bilder, wenn das falsche Idol durch ihn selbst geopfert werden, gleichsam durch das Grab unterlaufen werden, kann erkannt werden, wer Jesus wirklich ist, wer Gott ist und wie er für die Menschen da ist. Jesus hätte wohl leicht sein Leben retten und seinen Kopf aus der Schlinge ziehen können. Er hätte leicht so sein und handeln werden können, wie die Mehrheit ihn haben wollte. Er hätte leicht den „Beliebtester-Messias-Contest" gewinnen können. Nur: darum ging es ihm nicht.

Der Messias musste das Kreuz auf sich nehmen, um sich selbst treu zu bleiben, wenn anders er sich aufgegeben und verloren hätte und zum Popanz der Massen geworden wäre, hätte er sich deren volatilen Interessen und sogenannten „Bedürfnissen" unterworfen. Wo Menschen allein sich in Sicherheit bringen wollen, abhängig dabei immer von den Meinungen und Beurteilungen anderer, gebannt von Vorurteilen und Entwertungen, von Idealen und Träumen darüber, wer und was sie sind, verlieren sie, wie es im Griechischen heißt, ihre „psyche": Leben, Seele und Würde. Jesus nahm das Kreuz auf sich, und wenn es in der Geschichte einen Menschen gab, der einen Standpunkt bezogen hat und einen Preis dafür zu zahlen bereit war, dann er: in aller Deutlichkeit und Klarheit, Unabhängigkeit und Freiheit. Nachfolge heißt denn auch dies: Mit seiner Hilfe standfest werden, wenig danach fragend, was gerade opportun und easy ist, wissend, wofür wir bereit sein sollten, etwas zu riskieren und unsere ureigensten Bedürfnisse zu verleugnen, gerade um Seele und Würde, ja uns selbst, nicht zu verlieren.