Marta mal zuhause lassen

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18.07.2010 - 16. Sonntag im Jahreskreis C

Morgen gehe ich für eine Woche in Exerzitien zu den Benediktinern nach Beuron im schönen Donautal, und ich freue mich riesig darauf! Exerzitien sind keine Zeit des „Exerzierens", sondern Tage der geistlichen Einkehr und Besinnung, Zeit zum Atemholen, zur Ruhe, zum Gebet. Solche Zeiten sind notwendig, für die Menschen, die nicht nur „Geistliche" heißen, sondern auch sein sollen, damit das Woher und das Wozu unseres Dienstes nicht besinnungslos verloren gehen in all den Aufgaben und Anforderungen der alltäglichen Arbeit. Das heutige Evangelium ist für mich insofern ein Volltreffer. Nächste Woche brauche ich für nichts und um nichts zu sorgen, kann meine innere Marta zuhause lassen und ganz Maria sein.

Denn die beiden Schwestern, bei denen Jesus zu Gast sein will, Maria und Marta, sind ja weniger als wirkliche geschichtliche Personen interessant, denn vielmehr als Beispiele von Menschen, die an Jesus Christus glauben und die ihn in ihr Leben aufnehmen wollen. Maria und Marta veranschaulichen die Versuchung und die Berufung, vor denen jede Christin und jeder Christ, Gemeinde und Kirche stehen. Alle sind wir, einzelne Menschen und Institutionen, versucht, Jesus zu „versorgen". Die arme Marta meint es ganz sicher gut. Sie tut, wovon sie glaubt, dass es ganz allgemein und speziell von Jesus erwartet werde, sich gehöre, notwendig sei. Sie sorgt und tut und schafft, sie funktioniert, hält den Laden am Laufen, organisiert, plant und macht. Wie oft ertappen wir die Marta in uns? Wie oft überlagert das Machen das Sein, das Funktionieren die Beziehung? Wie oft rotieren wir in höchster Drehzahl herum und wissen nicht mehr worum und warum, drehen uns um nichts oder um uns selbst?

Marta „versorgt" Jesus, und diese Sorge hat, der guten Absicht zum Trotz, etwas Schiefes. Es ist in unserer Sozialpolitik gang und gäbe, Menschen zu „versorgen" mit Geld, mit Leistungen mit irgendetwas, und dabei gerade den Menschen als Menschen aus dem Blick zu verlieren. Auch im unmittelbar Zwischenmenschlichen gibt es jene wohlmeinende Fürsorge, die den anderen gerade dadurch entmündigt. Die Marta-Versuchung besteht darin, sich der Begegnung durch höchste Aktivität zu entziehen und alles für den anderen zu tun, um ihm ja nicht begegnen zu müssen. Marta, die demütige und hilfreiche Marta, ist in Wirklichkeit die, die das Sagen haben will, dann muss sie schon nicht zuhören. Und das bei Jesus. Wie wenig ihre Demut taugt, zeigt ihre gehässige Beschwerde über ihre Schwester.

Auch Maria ist ein Beispiel - für Marta natürlich ein Beispiel von Faulheit - für Jesus jedoch das Beispiel des rechten Glaubens. Sie hat „das Bessere gewählt", das „Notwendige", indem sie sich dem Herrn zu Füßen setzt, um ihm zuzuhören. An Gott glauben, an Jesus Christus glauben, bedeutet zunächst einmal gar nichts machen, sondern ihn in den Blick zu nehmen und machen zu lassen. Das, was Gott zu unserem Heil macht, ohne dass wir etwas machen und machen können, nennen wir „Gnade". Maria glaubt an Jesus, sie vertraut darauf, dass er für ihr Heil sorgt, und sie nimmt seine Zuwendung als Gnade und großes Geschenk an. Für jeden von uns, unsere Gemeinde und unsere Kirche muss diese Haltung immer wieder zum Maßstab werden: auf Gott hören, auf ihn vertrauen, seine Nähe und Gegenwart als Geschenk feiern und annehmen. Das ist das erste, das Beste und das Notwendige.

Kann es eine Versöhnung von Maria und Marta geben? Können wir in uns selbst und in unserer Kirche die Maria-Anteile und die Marta-Anteile versöhnen? Ich denke ja. Das Evangelium will nicht Muße und Aktivität, Spiritualität und Arbeit gegeneinander ausspielen, sondern vielmehr die rechte Ordnung beider deutlich machen. Wenn wir es schaffen, zuerst Gott wie Maria aufzunehmen - wenn wir es schaffen, zunächst den anderen Menschen aufzunehmen, ohne ihn gleich zu bearbeiten und nach unseren Wünschen zu befürsorgen -, dann haben davon ausgehend auch unser Arbeiten und Sorgen ihre rechte Mitte. Wenn wir in Kontakt mit Gott sind und ihn und seinen Willen hören, um dessen Erfüllung wir ja so oft beten, kann unser Tun und Sorgen ebenfalls not-wendend und heilsam und gut sein. Zu dieser Besinnung sollten wir uns gelegentlich wieder bringen: nicht nur die sogenannten Geistlichen, sondern wir alle.