Im Dialog mit allen Bürgern dieser Stadt

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Ansprache von Stadtdekan Dr. Christian Hermes im Gottesdienst zur Amtseinführung als Stadtdekan von Stuttgart am 16. September 2011 - Domkirche St. Eberhard Stuttgart

Sehr geehrter Herr Generalvikar Prälat Dr. Stroppel,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Schuster, sehr geehrte Beigeordnete,
sehr geehrter Damen und Herren Abgeordnete und Stadträte,
sehr geehrter, lieber Herr Stadtdekan Ehrlich,
liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste!

Anregende, vielleicht auch aufregende Texte, die wir gehört haben. Heinrich von Wessenberg, letzter Generalvikar des bis hier nach Stuttgart reichenden Bistums Konstanz, lässt keinen Zweifel daran, wer an den ewigen Freuden teilnehmen darf: Ganz im Sinn der Aufklärung bewährt sich der religiöse Mensch als der moralisch gute Mensch. Das „Merkmal der Liebe", so sein Psalm treffsicher, ist das überzeugendste Erkennungsmerkmal der Christen und das billet d'entrée zur Seligkeit.

Herber, provozierender die Psalmübertragung unseres Landsmannes Arnold Stadler: Wer nicht auf den Herrn hört, gerät nicht nur auf Abwege, sondern wird selbst zur abwegigen, ja zur vergeblichen Existenz; die aufrichtige Treue zu Gott als Schutz vor opportunistischem Populismus. Idealistisch schließlich das Canticum aus der Offenbarung des Johannes oder die Lesung: aus allen partikularen Kulturen, Nationen, Milieus und Schichten hat Jesus Christus ein heiliges, königliches, priesterliches Volk freigekauft. Er ist, so die Lesung, der lebendige Grundstein, über den man stolpern oder auf den man aufbauen kann.

Wenn die Kirche sich nicht in an- und aufregungsfreie Banalität zurückziehen will, dann wird sie immer selber anstoßen an den alten, kantigen Texten ihrer Tradition. Nur so kann sie auch Anstöße geben. Die Zeiten, in denen die Kirche meinte, Antworten auf alle Fragen geben zu können, sind vorbei. Was ist denn heute, an Wessenberg gewandt, das Gute, wenn wir ins Detail der drängenden ethischen Fragen unserer Zeit gehen? Sind wir Christen tatsächlich an diesem Merkmal der Liebe erkennbar? Ist Religion heute noch mehr als Trägersubstanz sogenannter christlicher Grundwerte, und die Kirche mehr als eine moralische Anstalt und Sozialdienstleister? Und an den Psalmisten und Stadler, seinen Dolmetscher, an die Offenbarung des Johannes und die Lesung aus dem Petrusbrief gewandt: Können wir „den Herrn" so eindeutig und zweifelsfrei feststellen und am Bekenntnis zu ihm die Geister in gut und böse, gläubig und ungläubig, aufrecht und abwegig scheiden? Und sehen wir nicht genug Aufrechtes auch anderswo? Und genug Abwegiges in unseren eigenen Reihen? Sind, was das neue, heilige Volk angeht, mit Augustinus, nicht viele drin, die draußen sind, und umgekehrt?

Diese Texte scheinen vor allem viele Fragen zu stellen. Vielleicht ist das genau die Aufgabe der Kirche, nicht so sehr auf alles mögliche Antworten zu geben, sondern zuerst einmal Fragen zu stellen, sich selbst und anderen, Fragen, die womöglich sonst keiner mehr stellt. Wir chatten, twittern, unterhalten uns und lassen uns unterhalten. Aber unsere so kritische und kommunikative Zeit scheint in ihrer ganzen kulturellen Verunsicherung sich tiefergehende Fragen nicht mehr zu erlauben. Was ist denn das Gute? Wie können Menschen gut und in gerechten Institutionen zusammenleben? Was lässt ein Leben gelingen und was macht es „abwegig"? Woran oder worauf oder an wen kann man glauben, heute im 21. Jahrhundert? Und woran glaubt, wer behauptet, an nichts zu glauben? Luther bringt es auf den Punkt: „Worauf du nun Dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich dein Gott." Ich will meine Mitbürgerinnen und Mitbürger fragen: Was glaubt ihr eigentlich? Welchen Sinn und welchen Glauben vermittelt Ihr Euren Kindern? Glaubt Ihr an den christlichen, den jüdischen, den muslimischen Gott, an humanistische Werte, an grenzenloses Wachstum, an Ökologie, an den Fortschritt der Wissenschaft, an den DAX, den Goldpreis oder nur an Euch selbst, an virtuelle Realitäten oder an das ewige Leben? Finden die Mysterienspiele, mit Joseph Beuys, im Hauptbahnhof statt? Woran hängt Ihr Euer Herz? Worauf verlasst Ihr Euch? Was gibt Euch Halt und Sinn?

Ich glaube, das ist unsere Aufgabe als Kirche, die unausgesprochenen, manchmal schwer aussprechlichen Fragen, woran wir eigentlich glauben und unser Herz hängen, zu fragen und fragwürdig zu machen. Es geht mir darum, dass wir als Kirche uns nicht in fromme Innenräume und Innenwelten zurückziehen, sondern in der Welt von heute ansprechend und ansprechbar sind, Weggefährten und Zeitgenossen der Menschen auf ihrer Suche und Sehnsucht nach einem gelingenden Leben. Wir glauben an einen Gott, der Menschen anspricht, freundlich anspricht und sie zur Gemeinschaft einlädt. Und so haben auch wir zu sein: freundlich, ansprechend, einladend, aber auch mutig und ehrlich die Begegnung und den Dialog wagend.

Dies gilt wie für die Frage nach dem Sinn, nach dem, was Vision und Glaube ist, auch für die Frage nach dem Guten. Für die komplexen ethischen Herausforderungen, mit denen Individuen und Gesellschaften heute konfrontiert sind, gibt es keine einfachen Antworten. Traditionelle ethische Verbindlichkeiten und Autoritäten einer christlichen oder auch einer bürgerlichen Ethik sind in einer pluralistischen Gesellschaft zur Disposition gestellt. Die Kirche wird hier nicht der Versuchung erliegen dürfen, sich in einer geschlossenen Gruppen-Moral einzuigeln und aus der Wagenburg heraus fundamentalistische Mission zu treiben oder den Untergang des Abendlandes zu beklagen. Wenn wir glauben, dass wir dieser Welt eine „gute Nachricht" auszurichten haben, und zwar aller Welt, und dass unsere Werte vernünftig begründbar sind, können wir und sollen wir in aller Bescheidenheit, aber auch aller Klarheit, am gesellschaftlichen Gespräch teilnehmen über das, was gut und recht ist. Ich will als Stadtdekan mit den Mitbürgern gleich welcher Religion und Weltanschauung und mit den Institutionen, die für das Gemeinwesen Verantwortung tragen, ins Gespräch kommen: Was ist das „gute Leben" für Euch? Wie können und wie wollen wir in dieser Stadt leben, heute, morgen und übermorgen?

Wir müssen uns die Mühe machen, Menschen, die unsere religiösen Voraussetzungen nicht teilen, unsere Überzeugungen verstehbar und nachvollziehbar zu machen. Dass es gut sei, wie der erste Psalm formulierte, wahrhaftig zu reden und die Nächstenliebe zu üben, insbesondere für die einzustehen, die selbst am wenigsten Teilhabe- und Selbstverwirklichungschancen haben, ist auch mit Mitteln der bloßen Vernunft zu begründen. Und wenn das Christentum darüber hinaus fordert, sogar die Feinde zu lieben, für das Gute, wenn es sein muss, Nachteile in Kauf zu nehmen oder gar sich selbst für andere zu opfern, wie es hieß, klingt hier ein Sinnüberschuss an, der ethische Potentiale noch über das nur Gerechte hinaus freisetzt. Als Kirche können und müssen wir ethische Kompetenz und Erfahrung unserer Tradition wie auch das authentische Zeugnis gelebten Christseins in den gesellschaftlichen Diskurs über das Gute einbringen. Gemeinsam mit der Bürgergesellschaft sollen wir suchen, was das gute Leben ist; was der Stadt Bestes ist, wie es beim Propheten Jeremia einmal heißt.

147.000 katholische Christinnen und Christen leben in dieser Stadt. In 46 Kirchengemeinden und 18 Gemeinden für Katholiken anderer Muttersprache feiern sie in Gottesdiensten den Gott des Lebens, der Wahrheit und der Güte. In einem leistungsstarken Stadtcaritasverband wie in unzähligen Initiativen, Gruppen und Einrichtungen versuchen sie, ihren Glauben mit Herz und Hand wirksam werden zu lassen. Sie suchen den Glauben zu verstehen, ins Gespräch zu bringen und zu verkünden. Sie stiften Gemeinschaft und Solidarität, Heimat und Verbundenheit über die Grenzen ihrer Gemeinden hinaus. Gott hat uns Christen, wie es der Brief an Diognet, eine Schrift aus dem 2. Jahrhundert, bereits formuliert, auf einen so wichtigen Posten gestellt, den zu verlassen uns nicht gestattet ist. Deshalb bieten wir das Gespräch an, suchen das Gespräch, immer wieder: ansprechend, freundlich und einladend, wenn es sein muss auch kritisch, nachfragend, nachhakend. Dafür möchte ich einstehen als Stadtdekan von Stuttgart: Dass wir anregen, manchmal vielleicht auch anstoßen, nach dem Sinn, nach dem Guten, nach Gott zu fragen und zu suchen in dieser Stadt und für diese Stadt. Amen.