Hören und danach handeln
Geschrieben von: Christian Hermes
Ansprache im Festgottesdienst zum 30jährigen Jubiläum des Hauses Clemens von Galen
18. Juli 2010 (Lk 6,47-49)
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses Clemens von Galen, liebe Familien des Kindergästehauses und der Kindertagesstätte, liebe Festgäste!
Wir haben eines der ganz bekannten Gleichnisse Jesu gehört, das Gleichnis vom Haus auf dem Felsen und vom Haus, das auf schlechten Grund, auf Sand, gebaut ist. Jesus versucht damit deutlich zu machen, was der Unterschied ist zwischen einem Menschen, der vielleicht hört, was das Evangelium sagt, hört, was Gott sagt, hört und weiß, was richtig wäre, aber der sich nachher ganz anders verhält. Und dem Menschen, der das, was er hört, auch in der Tat umsetzt und wirklich und glaubwürdig danach handelt. Was dieses Wort, dass wir hören sollen?
Wenn wir heute diesen Festgottesdienst feiern - und deshalb freut es mich riesig, dass dieser Text ausgesucht wurde -, dann kommen wir hier ganz schnell zu den wichtigsten Worten und Weisungen Jesu. „Liebe Gott!" und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Das sind nach Jesus die Grundformeln und Grundweisungen des Glaubens. Hier, im Haus Clemens von Galen, im Treffpunkt, im Kindergästehaus und der Kindertagesstätte, wird dies seit 30 Jahren praktiziert. Hier und an so vielen Orten und in so vielen Einrichtungen unseres Caritasverbandes wird das Wort nicht nur gehört, sondern alltäglich getan. Das Wort halten, das meint ja letztlich: Jesus selbst halten, sich an ihn halten, zu ihm halten, der selbst das „Wort Gottes" ist. In den ersten Worten, mit denen er sich an die Öffentlichkeit wandte, stellte er bereits klar, er sei gekommen, um den Armen eine frohe Botschaft zu bringen. Er ist das Wort der Liebe Gottes nicht für die, die alles haben und satt und taub geworden sind, sondern gerade für die, die in Armut leben, die am Rand sind, die krank sind, die Hilfe brauchen, zu denen, denen die Menschen und Lebensumstände nicht gerecht werden. Sein Wort gilt es zu halten, indem es verwirklicht wird, so wie das Leitwort der Caritas betont: Not sehen und handeln! Wer auf Jesus hört, wer das Wort wirklich hört, der kann gar nicht anders als da zu handeln und zu helfen, wo es not tut.
Jesus erfüllt damit in seiner Person jene Liebe Gottes zum Menschen, die wir bereits auf den ersten Seiten der Bibel finden, wo Gott den Menschen als sein Ebenbild erschafft und ihm göttlichen Geist verleiht. Ganz am Anfang steht die Zusage Gottes, dass jeder Mensch göttliche Würde hat, die von keiner weltlichen Instanz verliehen oder entzogen werden kann, die vielmehr absolut und unbedingt gilt. Wir glauben als Christen, dass jeder Mensch, ausnahmslos und unbedingt, ohne Bedingungen und Vorleistungen, ohne dass er irgendwelche Kriterien zu erfüllen hat oder sich rechtfertigen müsste, ohne dass er irgendwelche Kräfte und Fähigkeiten und Qualifikation aufweisen muss. Diese Würde kommt radikal jedem Menschen zu und es ist unsere Pflicht, sie gerade dort zu fördern und zu verteidigen, wo sie in Frage gestellt ist und wo Menschen aller weltlichen Würde bloß scheinen, weil sie krank sind, alte, weil sie eine Behinderung haben oder weil sie noch gar nicht auf der Welt sind. Jesus hat sich auf die Seite dieser Menschen gestellt, und wenn wir auf ihn hören, dann müssen auch wir gerade auf der Seite jener stehen, die ihre Würde und ihre Rechte nicht selbst kraftvoll geltend machen können. Diese ethische Überzeugung ist Gott sei dank nicht nur unsere Überzeugung als Christen, sondern nach wie vor auch das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist, ist in Artikel 1 des Grundgesetzes die Grundlage unserer politischen Ordnung.
In diesen christlichen Grundüberzeugungen liegt der Grund und muss das Fundament unseres kirchlichen sozial-karitativen Engagements liegen. Auf diesen Fels muss alles andere aufbauen, wenn es wirklich stabil und „gut aufgestellt" sein soll. Und umgekehrt heißt das auch: Wo wir nicht auf diesem Fundament aufbauen, wird alles nur auf Sand gebaut sein wird und nicht standhalten, wenn Stürme und Regengüsse kommen. Wo dieser Grund fehlt, da geht der Bestand, den wir vielleicht für so sicher halten: Einrichtungen, Häuser, Personal usw. ganz schnell im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter. Wenn wir uns sozial-karitativ um Menschen kümmern, dann muss dieses Engagement getragen sein von der Achtung für den Menschen und der Liebe zum Menschen, die Jesus uns gelehrt und vorgelebt hat. Wer sich sozial-karitativ engagiert, muss verinnerlicht haben, dass es für uns immer um den einzelnen Menschen geht, der das Ebenbild Gottes ist. Ihm zu dienen, ihm zu helfen, besonders da, wo jemand sich nicht selbst helfen kann, da bewährt sich unser christlicher Glaube in der Tat und da hat er Bestand.
Wo diese Achtung und Liebe fehlt, werden Menschen wohl über kurz oder lang nur noch irgendwie „versorgt" und „untergebracht", werden ganz schnell nur noch als Last oder Belastung betrachtet, da werden alte, kranke oder behinderte Menschen nur noch als lästige Kostenverursacher angesehen, da„versandet" im buchstäblichen Sinn alle sozial-karitative Arbeit als Beruf und als Ehrenamt und da kommen auch unsere sozialstaatlichen Institutionen sehr schnell ins Rutschen. Wir sind gottlob weit davon entfernt. Aber wir spüren die Stürme und Regengüsse von heute, den Kostendruck im Gesundheitswesen, die Sparzwänge und Sachzwänge. Wir spüren, dass soziale Netzwerke, familiäre Bindungen und Biographien brüchig werden und dass hier und da auch ein gesellschaftlicher „Mainstream" wie eine schlammige Flut die ethischen Fundamente untergräbt und die absolute Würde des Menschen eben doch wohl nur relativ gilt.
Ich möchte Ihnen drei Beispiele nennen, wo für mich die Herausforderung, auf ein gutes, am Menschen und seiner Würde orientiertes Fundament zu bauen, und nicht auf sandige, scheinbare oder falsche Grundlagen, ganz aktuell, hier und heute deutlich wird: Wir stehen mit unserer katholischen Kirche im Moment – wie unser Bischof sagt - in einer der schlimmsten Vertrauenskrisen, die wir jemals erlebt haben. Menschen fragen sich, ob die Kirche, ob ihre Vertreter das auch wirklich tun und erfüllen, was sie gehört haben, ja was sie sogar von hoher Kanzel verkünden. Dabei wird uns allen klar, dass alle unsere Institutionen, alles das, was vielleicht Jahrhunderte lang fest etabliert war, ganz schnell weg vom Fenster sein kann. Wo die Menschen uns als Vertretern der Kirche nicht mehr glauben, da zerbröselt, mögen auch die sichtbaren Strukturen noch stehen, unsichtbar die Fundamente. Umgekehrt: Da wo wir das Wort Jesu hören und tatsächlich glaubwürdig danach handeln, da steht die Kirche fest. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage bestätigt, dass die Kirche in ihrem sozialen und karitativen Engagement weitaus am meisten Glaubwürdigkeit besitzt.
Zweitens: Wir haben in der vergangenen Woche heiße sozialpolitische Zeiten in unserer Stadt erlebt. Viele Menschen haben den Eindruck: Es ging letzte Woche um alles Mögliche, nur nicht um das Soziale. Es ging um alles Mögliche, nur nicht um die Menschen, für die die Politik in dieser Stadt soziale Verantwortung trägt. Wer die Diskussion verfolgt hat musste feststellen, dass es zu keinem Zeitpunkt um Positionen und Inhalte von Sozialpolitik ging, sondern offenkundig und ausschließlich um Machtpositionen und Parteienkalkül. Wo Politik, gleich welcher Couleur, sich so präsentiert, da zerbröselt ihre Glaubwürdigkeit und da versanden die Unterstützung und das Interesse der Bürger; da gewinnen Menschen den Eindruck, politische Positionen seien wie Treibsand, auf den niemand bauen kann.
Ein drittes Beispiel, das uns bei diesem Festgottesdienst besonders betroffen machen muss. Der Bundesgerichtshof hat vor wenigen Tagen ein Urteil gefällt, das aus Sicht unserer Kirche als die Freigabe einer Selektionsmedizin verstanden wurde. Schon lange sorgen wir uns, dass durch die neueren Methoden der künstlichen Befruchtung und der Pränataldiagnostik die unbedingte Menschenwürde und das Lebensrecht eines ungeborenen Menschen in jeder Phase seiner Entwicklung Schritt für Schritt ausgehöhlt werden könnte. Schon lange äußert die Kirche die Sorge, dass dem menschlichen Leben, da wo es am wehrlosesten und schwächsten ist, der ihm gebührende Schutz versagt bleibt. Wir fragen uns als Christen und müssen dies heute gerade beim Jubiläum einer Einrichtung der Behindertenhilfe tun: Bewegt sich unsere Gesellschaft mehrheitlich in die Richtung, dass die Würde eines behinderten Menschen nur bedingt unantastbar ist? Dass behinderte Menschen durch ambitionierte diagnostische Methoden vermeidbar und deshalb auch zu vermeiden seien? Dass Eltern sich rechtfertigen müssen, wenn sie ein behindertes Kind bekommen haben? Das Urteil eines der höchsten deutschen Gerichte unterstützt diese Richtung. Auch da spüren wir sehr deutlich, dass moralische Grundlagen eines menschenwürdigen Zusammenlebens ganz unmerklich, ja sogar unter dem Deckmantel medizinischer Heils- und Heilungsversprechen aufgeweicht werden.
„Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist wie ein Mensch, der sein Haus auf Fels baut." Liebe Bewohnerinnen und Bewohner, liebe Familien, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich möchte Ihnen heute, auch im Namen unserer Stadtkirche, zu Ihrem Jubiläum von Herzen gratulieren! Das, was seit dreißig Jahren hier im Haus Clemens von Galen geleistet wird, ist ein leuchtendes Beispiel, was es heißt, auf den Fels des Evangeliums, der frohen Botschaft Christi, zu bauen. Alle, die sich hier eingesetzt haben und aktuell hier engagieren bauen auf dem Wort Jesu von der Liebe zum Nächsten, bauen auf der Überzeugung von der Würde eines jeden Menschen ein Haus, das lebendig und fröhlich, lebens- und menschenfreundlich ist und in dem seine kleinen und großen Bewohner und Besucher sich geborgen wissen können in allen Stürmen und Herausforderungen ihres Lebens. Wir danken von Herzen für diese Einrichtung und für alle, die in diesen Jahren hier gelebt und gewirkt haben, für alle, die, in welcher Weise auch immer, für andere da waren. Und wir beten und wünschen, dass dieses Haus auch in Zukunft ein Ort ist, wo erlebbar wird, was die Liebe zu Gott und zum Nächsten, was die Würde des Menschen für uns bedeutet, ganz konkret, in Wort und in der Tat. Dann wird dieses Haus Clemens von Galen feststehen, wie auf Fels gebaut.
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