Gott der Vergebung, nicht der Gewalt

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11.09.2011 - 24. Sonntag im Jahreskreis - Tagestexte

An diesem Sonntag erinnern sich Menschen auf der ganzen Welt an die Attentate des 11. September 2001. Wir denken an den Tod von fast dreitausend Menschen und an die Bilder und Gefühle, die sich unauslöschlich in unsere Erinnerung eingebrannt haben, an den Schrecken und die Angst, den zu verbreiten das Ziel aller Terroristen ist, an die militärischen Kriege und politischen Diskussionen seitdem. Und dann gibt uns die Liturgie für diesen Sonntag solche biblische Lesungen vor: „Der Mensch verharrt im Zorn gegen den andern, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen? ... Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft! ... Denk an den Bund des Höchsten, und verzeih die Schuld."

Und im Evangelium: Nicht nur siebenmal musst du vergeben, sondern siebenundsiebzigmal. Kann man, darf man den Terroristen vergeben? Welches Übermaß, ja Unmaß an Vergebungsbereitschaft scheint hier gefordert – angesichts solch bestialischer Mordaktionen. Welches Übermaß scheint auch von uns gefordert, die wir uns oft so schwer tun, weitaus geringere, manchmal nichtige Kleinigkeiten zu verzeihen?

Die Vergebung ist immer ein zuhöchst persönlicher Schritt. Sie hat nichts mit Gleichgültigkeit, Vergessen oder Verdrängen zu tun. Sie hat auch nichts mit der Devise „Tout comprendre, c'est tout pardonner", „alles verstehen heißt alles verzeihen" zu tun, wobei die persönliche Schuld wegzuerklären versucht wird, im Fall der Terroristen vielleicht durch ihre Herkunft, islamistische Beeinflussung, globalwirtschaftliche Ungerechtigkeiten und eine schwierige Kindheit. Verzeihen heißt: die Schuld als Schuld verurteilen, sie aber nicht sühnen und nicht sühnen wollen. Das erfordert übermenschliche Kraft und Größe. Vergebung kann nicht verlangt oder eingefordert werden. Sie geht über alles hinaus, was gerechterweise erwartet werden kann. Die lex talionis: Auge um Auge, Zahn um Zahn markiert das Gerechte: Schuld sei zu vergelten, Schaden wiedergutzumachen. Jesu Wort von der nicht nur siebenfachen, sondern siebenundsiebzigfachen Vergebung öffnet den Horizont für das Mehr-als-Gerechte. Es ist der Maßstab nicht menschlicher Gerechtigkeit, sondern göttlicher und heiliger Barmherzigkeit.

Dass Gott der Heilige und Barmherzige sei, ist eine der Grundüberzeugungen die wir mit dem Islam teilen. An diesem zehnten Jahrestag des 11. September 2001 ist nicht nur zu fragen, ob den tausendfachen Mördern verziehen werden könne. Es stellt sich auch die Frage, wieviel Islam in dem steckt, was die Islamisten den Dschihad, den heiligen Kampf, nennen. Genauso wenig vermutlich, wie von der Lehre Jesu in den Kreuzzügen oder im Dreißigjährigen Krieg. Keine Religion ist immun dagegen, für die allerunmenschlichsten Zwecke pervertiert, ideologisiert und missbraucht zu werden. Im Fall des Terrorismus wird der religiöse Islam zur Vereinfachung benutzt, und zwar von den Terroristen wie auch von manchen sogenannten Christen im Westen, um die Welt klar in Weiß und Schwarz, Gut und Böse, Freund und Feind zu unterscheiden. Dies wurde immer versucht und wird immer wieder versucht werden. Entscheidend ist, wie die Religionen selbst sich dazu stellen. Erliegen sie der Versuchung, auf diese Weise politische Macht und Bedeutung zu erlangen oder wiederzuerlangen, die sie sonst gar nicht oder nicht mehr hätten? Haben die Religionen in sich selbst die Widerstandskräfte, sich einer solchen Pervertierung und Instrumentalisierung entgegenzustellen?

Natürlich sind dazu vor allem die heiligen Schriften und Grundüberzeugungen der Religionen anzusehen, ihre Gottesvorstellungen, wichtigen Persönlichkeiten und moralischen Normen. Es gibt nicht wenige, die im Blick auf den Islam, den Koran und den Propheten Mohammed fragen, ob diese eher zur Friedfertigkeit oder eher zur Aggression tendieren. Wenn wir das Neue Testament lesen, das heutige Evangelium hören oder auf Leben und Passion Jesu schauen, ist diese Frage eindeutig zu beantworten. Gewalt, Mord, Aggression sind im Namen unseres Gottes nicht zu rechtfertigen; dass dies Christen früherer Zeiten nicht davon abgehalten hat, ändert nichts. Wer an einen Gott glaubt, der 9/11 gutheißt, mit dem gibt es keine Gemeinsamkeit. Weil wir als Christen wissen, wie schwierig es fällt, das Gebot der Liebe und Vergebung zu leben, hoffen wir an diesem 11. September, dass ein friedliches Miteinander der Religionen möglich ist, ja dass die Religionen selbst zum Frieden in dieser Welt beitragen.