Für eine Kultur des Lebens

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Pfr. Dr. Christian Hermes: Grußwort beim Fest des Lebens der Aktion „Spur der Erinnerung Grafeneck-Stuttgart" am 16.10.2009, Karlsplatz Stuttgart

Es gibt kein lebensunwertes menschliches Leben! Darin sind wir uns alle einig, die heute hier sind: Jugendliche und Ältere, behinderte und nichtbehinderte Menschen, Christen und Menschen anderer Überzeugung und Religion. An die barbarische und schamlose Vernichtung von Kranken und Behinderten durch die nationalsozialistische Diktatur erinnert die Aktion „Spur der Erinnerung" eindrucksvoll. Diese Spur hinterlässt Eindruck, weil so viele mitmachen und damit ein deutliches Zeichen gegen jegliche Diskriminierung und Entwürdigung von Menschen setzen. Gerne hat deshalb unser Bischof Dr. Gebhard Fürst die Schirmherrschaft für diese Aktion übernommen. Seine Grüße und seinen Dank darf ich Ihnen allen, besonders den Initiatoren und Organisatoren der „Spur der Erinnerung", übermitteln.

Diese „Spur der Erinnerung" muss immer neu gespurt und nachgezogen werden. Denn das, was Hitler und seine zahlreichen willigen Vollstrecker vor 70 Jahren in Grafeneck und an so vielen Orten in teuflischer Verachtung des Menschen und seiner Würde anrichteten, darf nicht vergessen werden. Wie sehr die menschliche Würde gefährdet ist, besonders die Würde der Schwächeren und Schwächsten, die sich nicht selbst kraftvoll Achtung verschaffen können, muss stetig erinnert und bewusst gemacht werden. Denn wenn wir uns der Täter und Opfer erinnern, helfen wir mit, dass es nicht auch heute neu Täter und neue Opfer gibt, dass nicht wir selbst womöglich zu Tätern oder Opfern werden.

Vor siebzig Jahren gab es zu viele, auch zuviele angebliche Christen, die der nationalsozialistischen Ideologie von der Rassengesundheit gefolgt sind, sie umgesetzt oder jedenfalls sich nicht überzeugend dagegen gewehrt haben. Dieses Versagen müssen wir schamvoll eingestehen, ohne zu wissen, ob wir denn selbst den Mut und die Zivilcourage gehabt hätten, uns einer solchen Diktatur der Menschenverachtung entgegenzustellen. Um so mehr müssen wir jene würdigen, die sich gegen die nationalsozialistischen Lehren gestellt haben: unser Bischof Johannes Baptista Sproll, der deshalb 1938 vertrieben wurde, oder ganz konkret auch den Priester und Direktor der Stiftung Liebenau Josef Wilhelm. Er hat 1939 auf die staatliche Anfrage, wie man zur „schmerzlosen Vernichtung von Geistestoten" stehe, dem Ministerium geantwortet: „Solche Vernichtung ist wilde Barbarei, himmelschreiendes Unrecht, bestialisch." Auch Josef Wilhelm konnte schließlich nicht verhindern, dass 512 von knapp 1.200 Patienten dieser großen therapeutischen Einrichtung in Grafeneck ermordet wurden.

Es gibt kein lebensunwertes menschliches Leben! Diese humane und christliche Überzeugung muss auch heute immer neu bewusst gemacht und in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion vertreten und manchmal auch verteidigt werden. Niemand vertritt heute wie die Nazis eine Hass-Ideologie. Gott sei dank! Gleichwohl erfüllt es uns als Kirche mit großer Sorge, wenn heute unter dem Deckmantel medizinischer Fortschrittsversprechen und Heilsverheißungen genau dieselben Argumente, die bereits die nationalsozialistischen Rassenhygieniker verwendet haben, erneut eingeführt werden. Es kann nicht sein, dass heute wieder schamlos die Frage gestellt wird, ob schwer geistig Behinderte als vollgültige Menschen anzusehen seien. Es kann nicht sein, dass dank der Möglichkeiten genetischer Diagnostik in verlogener Fürsorglichkeit Eltern die Frage gestellt wird, ob sie sich und anderen wirklich zumuten wollten, ein behindertes Kind zu bekommen. Es kann nicht sein, dass diese medizinischen Möglichkeiten zusammen mit einer gewissenlosen Haltung zur Abtreibung eine Mentalität salonfähig machen, wonach behindertes Leben doch vermeidbar sei und "heute nicht mehr sein" müsse. Wir dürfen es nicht dazu kommen lassen, dass Eltern, die sich heute für ein behindertes Kind entscheiden, wie vor siebzig Jahren für diese "Belastung der Gesellschaft" rechtfertigen müssen.

Nicht mit Hakenkreuz und Stechschritt, sondern auf viel leiseren Sohlen macht sich hier und da eine neue Eugenik breit, gegen die sich alle wenden müssen, die für die Würde und die Rechte eines jeden Menschen eintreten, in den Kirchen und in der Zivilgesellschaft. Die „Spur der Erinnerung" ist - davon bin ich überzeugt und dafür bin ich dankbar - ein wichtiger Beitrag zu einer „Kultur der Lebens", die wir auch heute verteidigen und fördern müssen.