Die schwierige Frage nach dem Frieden

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10.07.2011 - Missionssonntag Thema "Friede"

Es passt gut zum heutigen außerordentlichen Missio-Sonntag, wenn Paulus in der Lesung aus dem Römerbrief ganz realistisch feststellt, dass die Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Wahrhaftig, Mensch und Natur haben viel Grund zu seufzen in unserer noch weitgehend unerlösten Welt. Ungerechte ökonomische Strukturen, Ausbeutung der Ressourcen, die Geisel des Krieges sind Zeichen dafür, dass diese Welt, wie Paulus schreibt, von Sklaverei und Verlorenheit geprägt ist. Der Missio-Sonntag erinnert uns daran, dass Christen sich nicht abfinden mit dieser Verlorenheit, mit Ungerechtigkeit und Krieg.

Christen sollen als Zeugen der Hoffnung darauf leben, dass diese Schmerzen Ausdruck von Geburtswehen sind, dass diese Welt schon schwanger ist mit einer anderen Welt, mit der Welt des Gottesreichs, der Welt der Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes, der Welt der Gerechtigkeit und des Friedens.

Der Ausschuss „Mission – Entwicklung – Frieden" hat den Wunsch an mich herangetragen, dass wir uns an diesem Sonntag besonders mit der Frage des Friedens beschäftigen. Und ich sage es gleich: Das ist für Christen eine heikle Frage, eine Frage, um deren Ernst wir uns als einzelne und als Kirche gerne herummogeln. Natürlich sind wir alle für den Frieden und gegen den Krieg. Selbstverständlich. Im Prinzip. Aber was ist, wenn die Fragen konkreter werden? Wie ist das mit dem Krieg in Afghanistan? Wie ist es mit dem Krieg der NATO in Libyen, gegen den kaum jemand lautstark protestiert? Wie ist es mit der Frage, ob ein Staat für Milliarden Armeen unterhalten darf, um jederzeit bereit zu sein zum Krieg? Wie ist es mit der Frage, ob ein Christ Soldat sein darf?

Für den Theologen Tertullian im 3. Jahrhundert war diese Frage noch sehr klar. „Indem Jesus den Petrus entwaffnet hat, hat er jeden Soldaten entwaffnet", meinte er. Dem stimmten in der frühen Kirche nahezu alle Christen zu. Der Soldatenberuf galt mit dem Christsein als unvereinbar. Schließlich hatte Jesus sehr unmissverständlich dazu aufgerufen, selbst den Feind zu lieben und lieber die andere Wange hinzuhalten als Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Mehr noch: Angesichts des Kreuzestodes Jesu verzichtete Gott selbst auf Gewalt gegen die Gewalttäter. „Glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?" fragt Jesus den zum Zuschlagen bereiten Petrus bei der Verhaftung im Garten Getsemani. Jesus bittet nicht darum. Der Vater schickt keine himmlische Armee. Die mutige Politik Jesu ist es, auf Gewalt mit Wehrlosigkeit zu reagieren, lieber zu sterben als zu töten, aus der Gewaltspirale lieber auf eigene Kosten auszusteigen als sie weiterzudrehen. Und ein Jünger Jesu zu sein, davon waren die frühen Christen überzeugt, bedeutet nicht zuletzt, es ihm darin gleich zu tun.

Aber ist das realistisch? Verlangt es nicht die Wirklichkeit unserer Welt, zumindest im Notfall zur Gewalt bereit zu sein, sich für den Krieg zu rüsten, zurückzuschlagen, wenn das eigene Leben oder die eigenen nationalen Interessen bedroht sind? Oder, vielleicht noch besser, vorbeugend loszuschlagen, bevor es die anderen tun?

Als das Christentum Staatsreligion im Römischen Reich geworden war, geriet der frühchristliche Pazifismus bald in Vergessenheit. Immerhin, es gab bei vielen Theologen ein ehrliches Ringen um die Frage, unter welchen Umständen Christen einen Krieg unterstützen dürfen. Es entwickelte sich die Lehre vom gerechten Krieg.

Und was gilt nun für uns Christen? Muss ein Christ Pazifist sein? Oder darf er einem Krieg zustimmen, wenn er die Kriterien eines gerechten Krieges erfüllt? Meine Antwort lautet, dass sich die Frage inzwischen erübrigt. Ein gerechter Krieg ist heute nicht mehr möglich – wenn er es überhaupt jemals war. Seine Kriterien sind nicht mehr erfüllbar, weil in der Zeit von Massenvernichtungswaffen und Luftschlägen die totale Eskalation eines Kriegs nicht mehr ausgeschlossen werden kann und massive Opfer unter der Zivilbevölkerung nicht mehr verhindert werden können.

Mir ist klar, dass einige hier diese Auffassung nicht teilen werden, und doch bin ich als Christ und als Theologe davon überzeugt, dass es für Jüngerinnen und Jünger Jesu nur noch die Option gibt, sich dem Einsatz militärischer Gewalt und der Vorbereitung dazu grundsätzlich zu verweigern.

Das muss nicht zwangsläufig einschließen, dass wir über Soldaten richten, dass wir über Politiker richten, die anders denken und handeln. Aber es bedeutet, meine ich, doch, dass wir als Christen, die wir glauben, dass in Jesus Christus der Logos Gottes, das vernünftige Wort Gottes selbst Fleisch geworden ist, nicht umhin können, der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe Jesu nachzufolgen. Noch einmal: Ist das möglich? Ist das realistisch? Der amerikanische Theologe Stanley Hauerwas antwortet darauf zugespitzt: „Wenn wir nicht glauben, dass es möglich ist, unsere Feinde zu lieben, sollten wir offen sagen, dass Jesus nicht der Messias ist." Ohnehin bedeutet Realismus für Christen nicht, das für realistisch zu halten, was alle anderen für realistisch halten, weil sie nicht mit der größeren Wirklichkeit Gottes rechnen. Für Menschen, die sich Christen nennen, ist die letztgültige Realität die Realität Gottes, wie sie sich uns in Jesus Christus gezeigt hat. Wir sehen die Welt gerade dann realistisch, wenn wir sie mit den Augen Jesu sehen.

Als Christ in dieser Welt zu leben, bedeutet einen alternativen Lebensstil zu leben. Wenn alle selbst ernannten Realisten Gewalt für unvermeidbar halten, dann sollen wir als Christen zeigen, dass es auch anders geht, dass Gewaltlosigkeit lebbar ist, dass Feindesliebe lebbar ist. Ich habe die kühne Hoffnung, dass einmal die Zeit kommt, in der sich die Frage überhaupt nicht mehr stellt, ob Christen Soldaten sein dürfen, weil keine Armee der Welt mehr bereit ist, Christen als Soldaten zu akzeptieren, weil man bei diesen verrückten Menschen immer damit rechnen muss, dass sie eher bereit sind zu sterben als zu töten.

Bis dahin scheint es aber noch ein weiter Weg zu sein. Ganz offensichtlich tut sich auch unsere Kirche sehr schwer mit der Vorstellung, man müsse als Christ zu militärischer Gewalt auf Distanz gehen. Dass es Seelsorge an Soldatinnen und Soldaten gibt wie an allen Menschen, ist völlig in Ordnung. Aber müssen Militärseelsorger wirklich Teil des militärischen Systems sein, mit Uniform und allem Drum und Dran? Und musste die katholische Kirche in Stuttgart im letzten Jahr wirklich den Eberhards-Dom für einen Gottesdienst zu einem militärischen Gelöbnis zur Verfügung stellen? Ich denke, hier wäre mehr Distanz angebracht, um unser Profil als Jüngerinnen und Jünger Jesu in dieser Welt deutlich zu machen.

Christliche Gewaltlosigkeit – und das ist jetzt mein letzter Gedanke – darf sich aber selbstverständlich nicht nur im Verhältnis zu Krieg und Militär niederschlagen. Wir müssen alle jeden Tag versuchen, abzurüsten und gewaltfrei zu leben, in der Art und Weise wie wir mit anderen umgehen, wie wir mit anderen sprechen, in der Familie, im Berufsleben, in unserer Kirche, in Achtung vor der Würde des anderen, in dem Wunsch danach, dass er leben und sich entfalten kann, dass wir ihn darin nicht behindern, sondern unterstützen. Damit uns das gelingt, betet das heutige Tagesgebet: „Gib allen, die sich Christen nennen, die Kraft, zu meiden, was diesem Namen widerspricht, und zu tun, was unserem Glauben entspricht."