Der gefährliche Zuspruch der Taufe
Geschrieben von: Dominik Weiß
Predigt zum Fest der Taufe des Herrn 08.01.2012
Liebe Schwestern und Brüder,
wer eine Kirche betritt, der erwartet in ihrem Inneren einen Ort der Ruhe und Besinnung, einen stillen Raum für die innere Einkehr, einen Platz, an dem das seelische Gleichgewicht wieder hergestellt werden kann. Auch Menschen, die gar nicht sehr gläubig sind, suchen aus solchen Gründen hin und wieder Kirchen auf, z.B. als Kontrast zur geschäftigen Fußgängerzone. Wer mit diesen Erwartungen eine Kirche betritt, so berechtigt sie auch sind, dem entgeht dabei vielleicht, dass jede Kirche gefährliche Orte in ihrem Inneren birgt, Orte, bei denen es eigentlich ganz schön gute Nerven braucht, um sich ihnen zu nähern, auch wenn sie auf den ersten Blick harmlos aussehen. Ein gefährlicher Ort ist dieser Ambo, denn von ihm aus hören wir Woche für Woche das Wort Gottes, und dieses Wort will nichts weniger als unser Leben auf den Kopf stellen. Ein gefährlicher Ort ist der Altar, denn auf ihm kommt der heilige Gott selbst in unsere Mitte. Und ein wilder und gefährlicher Ort ist nicht zuletzt das Taufbecken, auch wenn man ihm das zunächst nicht ansieht.
Viel deutlicher ist das Wilde und Gefährliche an der Taufe bei der Szenerie, die uns das heutige Evangelium vor Augen führt. Mitten in der Wüste war es, kein Baum und kein Strauch weit und breit, wo diese merkwürdige und faszinierende Gestalt auftrat, Johannes, genannt der Täufer. Dieser Täufer wusch den Menschen, die zu ihm kamen, gleich in zweifacher Hinsicht den Kopf. Einmal durch die schonungslose Kritik, mit der er es anprangerte, dass die meisten Menschen seiner Zeit ein Leben führten, das dem Willen Gottes nur sehr unzureichend entsprach. Wie sollten sie so vor dem Gericht Gottes bestehen können? Dann aber wusch er ihnen auch noch ganz buchstäblich den Kopf, tauchte sie hinab in das Wasser des Flusses Jordan zum Zeichen der Umkehr. Ertrinken sollte das alte Leben, neu geboren werden der neue Mensch, der dem Willen Gottes entsprach.
Viele Menschen faszinierte der Täufer in seiner Radikalität, ganz anders hat er wohl gewirkt als viele von uns heutigen Seelsorgern, deren Hauptanliegen es oft ist, bloß nicht zu radikal zu wirken, um auch ja niemanden zu erschrecken oder gar zu vertreiben.
Zu denen, die zu Johannes in die Wüste kamen, gehörte auch Jesus. Doch was bei seiner Taufe geschah, so schildern es die Evangelien, war noch einmal etwas ganz Anderes. Jesus hat eine Vision. Er sieht, dass der Himmel sich öffnet. Die Welt Gottes wird für ihn mitten in dieser irdischen Welt sichtbar und wie eine Taube kommt der Geist Gottes auf ihn herab. Dazu hört er die Worte „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden."
Gleich zu Beginn seines Evangeliums will Markus dem Leser damit sagen, was es mit diesem Jesus auf sich hat, der da inmitten von anderen Menschen im Jordan getauft wird. Dieser Jesus ist der Träger des Geistes Gottes, alles, was er sagt und tut, geschieht in diesem Geist. Und er ist der Sohn Gottes, er steht in einer einzigartigen Nähe zu Gott, in einer völlig intimen Verbindung zu ihm.
Diese einzigartige Nähe zu Gott will Jesus nun aber nicht etwa wie einen persönlichen Besitz für sich behalten, im Gegenteil. Das Anliegen Jesu ist es, ganz Israel – und dann schließlich alle Menschen – in diese Nähe mit hinein zu holen. Genau das geschieht in der Taufe. Da werden Menschen hineingenommen in die intime Beziehung Jesu zu seinem Vater. Da kommt der Geist Gottes auch auf uns herab. Da sagt Gott zu jedem und jeder einzelnen von uns: „Du bist mein geliebter Sohn. Du bist meine geliebte Tochter."
Das dürfen wir als Christen als die erste Botschaft Gottes an uns hören. So berechtigt die Kritik Johannes des Täufers an seinen Mitmenschen sicher war, das erste Wort Gottes an uns ist kein Wort der Kritik, sondern die Zusicherung, dass wir seine geliebten Kinder sind. Gott liebt uns ohne jede Bedingung, noch bevor wir irgendetwas dafür tun könnten. Das dürfen wir uns jeden Tag sagen: Ganz unabhängig von meinen Leistungen und meinem Versagen, mit all meinen Stärken und meinen Schwächen bin ich von Gott angenommen. Das ist das große Glück, das uns Christen geschenkt ist: um diese bedingungslose Liebe Gottes zu uns wissen zu dürfen.
Und diese Liebe kann Menschen verwandeln. Das wäre dann der zweite Schritt: dass wir zulassen, dass unser Leben diesem Angenommensein durch Gott entspricht. In der Lesung aus dem Ersten Johannesbrief hieß es: „Die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten." Gott zurück zu lieben bedeutet, dass wir uns in ein Leben einüben, das ihm entspricht. Das bedeutet z.B., dass wir anderen etwas gönnen dürfen. Als Christinnen und Christen brauchen wir keine Angst davor haben, im Leben zu kurz zu kommen. Wenn wir erst einmal verinnerlicht haben, dass Gott uns unendlich großzügig beschenkt, mit unserem Leben, mit seiner Liebe zu uns, dann können wir erst recht großzügig sein mit den irdischen Gütern, dann können wir teilen, dann können wir auch mal auf unseren eigenen Vorteil zu Gunsten anderer verzichten, dann können wir auch Menschen, die uns nicht recht sympathisch sind, annehmen, wie Gott uns selbst annimmt.
Ich habe am Anfang gesagt, dass der Taufstein in unserer Kirche ein gefährlicher Ort ist, mindestens so gefährlich wie die wilde Wüste, in der Johannes getauft hat. Ich behaupte nämlich, ein Leben, das unserer Taufe, unserem Angenommensein durch Gott entspricht, kann gefährlich sein, weil es uns in einen Gegensatz zur Normalität um uns herum bringt. Auch davon spricht der Erste Johannesbrief: „Alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt." Der Autor dieses Briefes geht sehr massiv von der Vorstellung aus, dass es einen Gegensatz gibt zwischen der Wirklichkeit Gottes, in die die Christen durch die Taufe mit hineingenommen sind, und der „Welt". Mit Welt ist hier nicht die ganze Welt gemeint, als wäre alles um uns herum böse, und als müsste der Christ sich völlig von allem zurückziehen, wenn er als Christ leben will. „Welt" meint in diesem biblischen Buch die Welt, die den Maßstäben Gottes entgegensteht. Wenn wir gesagt haben, dass wir großzügig sein dürfen, weil Gott großzügig zu uns ist, dass wir teilen dürfen, dass wir auf unseren Vorteil verzichten dürfen, dann können wir dadurch durchaus in Gegensatz geraten zu einer Lebenseinstellung und zu einer Wirtschaftsform, die darauf ausgerichtet sind, dass jeder versucht, möglichst viel für sich herauszuholen, den eigenen Vorteil zu verfolgen, sein Leben auf die eigene Leistungsfähigkeit aufzubauen. Dann können Christinnen und Christen zu unbequemen Sandkörnchen im Getriebe unserer Welt werden, und dafür wird man uns sicher nicht nur lieben, so wie auch Jesus keineswegs von allen geliebt worden ist. Wie die im letzten Jahr entstandene „Occupy Wall Street"-Bewegung sollten auch die Töchter und Söhne Gottes, die Geschwister Jesu erkennbar sein als echte und radikale Alternative zu Gier, Habsucht und Ungerechtigkeit in unserer Welt.
Die Taufe bringt uns, wenn wir sie ernst nehmen, in mancher Hinsicht in einen Gegensatz zu den herrschenden Ansichten in dieser Welt, vielleicht sogar in einen gefährlichen Gegensatz. Aber dieser Gefahr können wir uns getrost und ohne Angst aussetzen, weil wir so reich beschenkt sind von der Zusage Gottes an uns: „Du bist mein geliebter Sohn. Du bist meine geliebte Tochter."
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