Predigt 5.Fastensonntag

Auferstehung mitten im Leben

Ez 37,12b-14; Röm 8, 8-11; Joh 11, 1-45 

Der Tod ist eine absolute Grenzlinie. Wer diese Grenze überschreitet, kann nicht wieder zurück. Menschen, die an dieser Grenze waren und vielleicht einen Blick hinübergeworfen haben, also sogenannte Nahtoderfahrungen gemacht haben, berichten oft Erstaunliches. Noch mehr erstaunt mich dabei aber, dass die meisten dieser Menschen ganz offensichtlich ihr Leben anschließend ändern. Die direkte Erfahrung mit dem drohenden Ende dieses Lebens scheint ihnen einen anderen Blick zu geben für diese Welt, für ihr persönliches Leben und ihr Handeln. Manche berichten im Rückblick, dass sie eigentlich erst danach richtig begonnen haben zu leben.

 

Lazarus hat zwar keine Nahtoderfahrung gemacht, er ist ja ganz tot, dennoch ist seine Erfahrung wohl ähnlich den Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben. Denn es ist keine Auferstehung ins ewige Leben, wie wir sie an Ostern mit der Auferstehung Jesu feiern und wie wir sie für uns selbst erhoffen, sondern eine Auferweckung in diesem Leben und in dieses Leben hinein. 

Man muss nicht schon riechen wie Lazarus, um in diesem Leben tot zu sein. Es gibt viele Menschen, und vielleicht gehören wir auch zeitweise dazu, die von außen betrachtet noch ganz gut funktionieren und ihre Rollen mehr oder weniger gut spielen, aber im Inneren leben sie schon nicht mehr. Sie haben das träumen eingestellt, ihre Sehnsüchte begraben und die Ziele, die sie verfolgen, werden von anderen bestimmt. Lebendig begraben in den Mauern eines Lebens, das nicht ihres ist 

Wenn Jesus im heutigen Evangelium zu Marta sagt: „ich bin die Auferstehung und das Leben“ dann bezieht sich diese Auferstehung nicht allein auf das jenseitige Leben, sondern ebenso auf das hier und jetzt, auf jeden Augenblick unseres Lebens. Er will uns aufwecken, aus der Resignation und scheinbaren Unveränderbarkeit unserer Lebensumstände. Und wie er dem Lazarus zuruft: „komm heraus!“ ruft er auch uns zu: „komm heraus - und lebe“. 

Selbstverständlich ist es manchmal einfacher drinnen zu bleiben, in der Höhle und den Umständen, in denen man sich eingerichtet hat. Viele Menschen verzichten lieber auf das Leben, die Fülle, das Glück und die Liebe, die uns die Gegenwart Gottes entgegenhält. Die einen haben Angst vor der Veränderung, vor dem Risiko des Ungewissen. Die anderen verspüren Scham vor der eigenen Schuld, Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit. Wieder andere verschanzen sich hinter ihrer Trauer über das ungelebte Leben und all die verpassten Chancen. Und andere kultivieren lieber ihre Wut, ihren Ärger über all das, was andere ihnen scheinbar genommen haben. Viele Menschen suchen im Konsum einen Ersatz für nicht gelebtes Leben oder sie streben nach Macht und Anerkennung, um von außen eine Bestätigung zu erhalten, dass es sie gibt, dass ihr Leben irgendwie Spuren hinterlässt. Vielleicht sind es auch noch ganz andere Gefühle oder eine Mischung davon, die uns zurückhält, das uns geschenkte Leben anzunehmen und uns daran zu freuen.

Menschen, die sich selbst am Leben nicht freuen können, gestehen auch anderen diese Freude nicht zu. Und überall dort, wo Menschen Macht über andere haben, besteht die Gefahr, dass diese lebensfeindliche Einstellung durchgesetzt wird. So wird z. B. Kindern die Freude am Leben abgewöhnt, so leiden Menschen unter ihren Arbeitsbedingungen, so werden ganze Bevölkerungsgruppen in dieser Welt an den Rand gedrängt. Letztlich braucht es gar nicht viel, damit Menschen sich am Leben erfreuen können. Ganz grundsätzliche Bedürfnisse jedoch müssen befriedigt sein. Das kirchliche Hilfswerk Misereor, für das heute die Kollekte bestimmt ist, setzt sich ein für Menschen überall auf dieser Welt, dass sie menschenwürdig leben können. Wenn viele Menschen etwas geben, kann vielen Menschen eine neue Lebensperspektive eröffnet werden. 

Wenn Jesus sagt: ich bin die Auferstehung und das Leben, dann heißt das, dass wir in der Beziehung zu ihm, in seiner Gegenwart und Gemeinschaft das neue, das wahre Leben erfahren dürfen und zwar schon heute. Er will uns versöhnen mit uns selbst, er nimmt uns an, so wie wir sind mit unseren Gebrechlichkeiten, mit unseren Schwächen, mit unseren Verletzungen und unserer individuellen Geschichte. Weil er uns liebt. 

Er will uns einen Weg zeigen, dass auch wir liebende Menschen werden können. Dass wir aus unserer innersten Freiheit heraus ja sagen können zu uns, unserem Leben und zu den Menschen, mit denen wir zusammen sind. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das ist nicht nur das zentrale neutestamentliche Gebot, das ist auch das zentrale Aufgabe unseres Lebens. Denn liebesfähig zu werden bedeutet das Leben zu schätzen und die Freude am Leben weiter zu geben.

 Jesus ruft uns heraus in unser Leben und in seine Gemeinschaft. Er sagt uns: „Wer an mich glaubt, wird leben – auch wenn er stirbt und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ 

Amen

 

von Stefan Pfeifer